Für Hirn und Herz - Wie schreibe ich eine Betriebsratsrede?



Stundenlang hast du dir die Finger an deiner Betriebsratsrede wund geschrieben. Doch deine Kollegen fallen auf der Betriebsversammlung wieder in einen hundertjährigen Dornröschenschlaf.


Warum hört dir keiner zu? Weil sich in deine Rede Worte eingeschlichen haben, die weder im Hirn noch im Herz ankommen.


Wie kannst du deine Kollegen vom Fluch der bösen Fee erlösen? Nicht mit dem Kuss eines schönen Prinzen, sondern mit einfachen Schreibregeln.


1. Schreibregel – kurz statt lang


Lange Sätze sind eine Qual für das menschliche Gehirn. Am Ende eines langen Satzes kann sich kein Mensch mehr an den Anfang erinnern. Kein Wunder, wenn deine Kollegen ihre Gehirne abschalten.


Du glaubst mir nicht? Dann mach meinen Lieblingstest, den noch kein Betriebsrat in meinen Seminaren bestanden hat. Lese einer Person langsam einen kurzen Satz vor, den er sich genau merken soll.


Nimm das Zitat von Goethe: „Ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben“. Dann sage zu deiner Person: Nenne mir jetzt das zehnte Wort. Sie wird es nicht können.


Als Faustregel für kurze Sätze gelten 10 – 20 Wörter pro Satz. Meine Wörter zähle ich nie und schreibe auch Sätze, die aus einem Wort bestehen. Ich orientiere mich beim Schreiben an die Regel „Ein Gedanke. Ein Satz“.


Dann werden meine Sätze automatisch kürzer. Und im Eifer des Gefechts schleichen sich auch keine Schachtelsätze ein. Trotzdem prüfe ich am Ende jeden Satz, ob ich ihn kürzen kann.


2. Schreibregel – konkret statt abstrakt


Wenn in deiner Betriebsratsrede das Wort Arbeitsbekleidung fällt, suchen die Hirne deiner Kollegen nach Worten: Hosen, Jacken, Schuhe. Und schon sind sie mit ihren Gedanken nicht mehr bei dir.


Das Gehirn sucht aber noch weiter: Nach langen oder kurzen Hosen. Blauen oder grauen Hosen. Dicken oder dünnen Hosen. Hosen für Damen ohne Herren. Mit oder ohne Hosentaschen.


Erst wenn deine Zuhörer ein konkretes Wort im Kopf haben, können sie dir gedanklich wieder folgen. Doch wie sollen die dir folgen, wenn du schon beim nächsten Thema bist?


Deshalb ersetze in deiner Betriebsratsrede abstrakte durch konkrete Wörter. Wenn abstrakte Begriffe wie Einigungsstelle oder Betriebsänderungen sich nicht vermeiden lassen, beschreibe diese anhand konkreter Beispiele.


Wann ist ein Wort konkret? Wenn du deine Kollegen im Geschäft für Arbeitsbekleidung ohne Umwege zu den Regalen mit den langen, blauen Hosen führst – natürlich mit Worten.


3. Schreibregel – Verben statt Substantive


Wenn ich Reden zu Gesicht bekomme, springen mich massenweise Substantive an. Verben muss ich mit der Lupe suchen. Schade.


Denn Verben machen deine Betriebsratsrede lebendiger und gehen dir leichter über die Lippen. Substantive sind Stolpersteine für den Zuhörer und den Redner.


Vor allem Substantive mit der Endung – ung. Dabei ist es kinderleicht, diese Substantive in Verben umzuwandeln: Verhandlung – verhandeln, Vereinbarung – vereinbaren, Unterzeichnung – unterzeichnen.


Im Betriebsverfassungsgesetz findest du auch diese verdammten Zungenbrecher: Geschäftsführung des Betriebsrates, Einberufung von Sitzungen, Aussetzung von Beschlüssen. Blättere das Gesetz mal durch.


Nimm deshalb deine Substantive unter die Lupe und schaue, ob du sie in Verben umwandeln kannst. Ausnahme: Wenn du Paragraphen des Betriebsverfassungsgesetzes zitierst.


4. Schreibregel – aktiv statt passiv


Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen? „Die Betriebsvereinbarung wurde unterzeichnet.“ und „Die Betriebsratsvorsitzende und die Geschäftsführerin unterzeichneten die Betriebsvereinbarung.“


Im ersten Satz wissen deine Kollegen nicht, wer die Betriebsvereinbarung unterzeichnet hat. Im zweiten Satz sind Ross und Reiter sogar konkret genannt.


Der erste Satz ist passiv. Der zweite Satz aktiv. Und das ist schon das ganze Geheimnis zwischen einem aktiven und einem passiven Satz.


Passive Sätze werden auch benutzt, um bewusst die handelnden Personen zu verschleiern. Damit weiß keiner, wer verantwortlich ist. Kommt dir diese Taktik bekannt vor?


Verwende in deiner Betriebsratsrede aktive statt passive Sätze. Mit aktiven Sätzen vermeidest du ewige Nachfragen und sie sind persönlicher.


5. Schreibregel – bildhaft statt bildlos


Unser Gehirn denkt in Bildern. Wenn du in Bildern schreibst und sprichst, werden deine Kollegen dir von Anfang bis Ende deiner Rede an den Lippen kleben.


Ich bin ein Fan von bildhaften Vergleichen. Wenn deine Kollegen in einem schrecklichen Großraumbüro sitzen und der Chef in einem Einzelbüro, kannst du das Großraumbüro mit einem Hühnerstall vergleichen.


Beispiel: „Unsere Kollegen sitzen im Großraumbüro dicht an dicht wie auf einer Hühnerstange. Der einzige Unterschied zum Hühnerstall ist, dass der Hahn ein Einzelbüro hat.“


Wenn die alten Teppiche oder Drucker im Großraumbüro die Luft verpesten und deine Kollegen bis zum Umfallen arbeiten, kannst du das Treiben im Hühnerstall weiter beschreiben.


Beispiel: „Im Großraumbüro geht es auch zu wie in einem Hühnerstall. Unsere Kollegen müssen immer mehr Eier legen. Sie arbeiten bis zum Umfallen. Und im Hühnerstall sinkt es furchtbar. Nach alten Teppichen und Druckern. Pfui.“


Woran werden sich deine Kollegen nach deiner Rede errinnern? An den Hühnerstall. Doch Vorsicht! Wenn alle mit dem Großraumbüro glücklich sind, suche einen anderen bildhaften Vergleich.


Ein Dornröschenschloss. Das hat nämlich auch eine Dornenhecke.


Und denke daran: Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen. (Mark Twain)

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